Was ist ein Ehm?

Ende August startete ich eine Sprachnachricht an drei meiner besten Freundinnen aus Norddeutschland. „Hallo, habt Ihr Lust am 08.09. nach Angermünde zu kommen?

In Biesenbrow gibt es eine zwölfstündige Ehm-Welk-Aufführung unter freiem Himmel. Tolles Event!“. Antwort eins: „Was ist ein Ehm?“, Antwort zwei: „Was ist eine Een-Welt-Aufführung?“, dritte Antwort: „Wer ist Ehm Welk?“. Ich gestehe, die dritte hätte vor drei Jahren noch von mir stammen können, denn damals wusste ich es auch nicht. Wer in Angermünde lebt, kommt früher oder später dahinter, was oder eher wer sich hinter diesem Namen verbirgt. Allen anderen muss ein bisschen geholfen werden.

Da meine Freundinnen nicht die einzigen Menschen auf diesem Planeten sind, denen Ehm Welk (Emil Welk: * 29. August 1884 in Biesenbrow; † 19. Dezember 1966 in Bad Doberan) nichts sagt, hat sich das Theater 89 seiner angenommen. Autor*innen, die drohen in Vergessenheit zu geraten, werden vom Ensemble ins Rampenlicht gestellt und einem breiten Publikum dargeboten.

Schon im Sommer konnten sich Einheimische und Gäste der Stadt Angermünde am Franziskanerkloster über einen Abend mit dem Theater 89 freuen. Die Gruppe um den Regisseur und Intendanten Hans-Joachim Frank lud zum Russischen Abend ein, um in Vergessenheit geratene Werke des Schriftstellers Anton Tschechow wiederzuentdecken. Dies war nur eine von vielen Perlen, die den Sommer in der Uckermark mit kulturellen Angeboten verzierte. Neben Stummfilmabend und Orgelkonzert sorgt Angermünde seit 2017 mit der auf drei Jahre aufgeteilten zwölfstündigen Aufführung des Werkes „Die Heiden von Kummerow“ für eine weitere Veranstaltung, die Zuschauer von nah und fern in die Region zieht. Und hier lernen wir ihn kennen, den Schriftsteller, der zur DDR-Zeit die 20-Pfennig-Briefmarke der Reihe „bedeutendsten Persönlichkeiten“ zierte.

Das gesamte Dorf Biesenbrow wird zum Schauplatz und die Bewohner zu Darstellern, die in liebevoller Arbeit den Roman in Szene setzen und in einem Dreijahresprojekt aufführen. Rund 400 Besucher waren dabei, als Kapitel 9 bis 16 an verschiedenen Schauplätzen des Geburtsortes des Autors in einer zwölfstündigen Inszenierung aufgeführt wurden. Viele der Gäste, die mit Picknickdecken, Klappstühlen und Proviant-Rucksäcken den Musikern folgten, um sich am nächsten Aufführungsort niederzulassen, kannten den Ablauf vom letzten Jahr. Andere mussten sich orientieren und nachfragen, ob das Stück wirklich zwölf Stunden dauern würde.

Über die kleinen Streiche, die lustigen Anekdoten und Erlebnisse, die sich um den Protagonisten Martin Grambauer erzählen wurde herzlich gelacht. Eigentlich hatte Ehm Welk seinen Roman nach Kummerow verlegt, eine heutige Gemeinde der Stadt Schwedt/Oder. Beschrieben hat er aber seinen Heimatort Biesenbrow. So wurde 2017 die 725-Jahrfeier genutzt, um die ersten 8 Kapitel an Schauplätzen aufzuführen, die der kleine Emil vor mehr als 120 Jahren in seiner Kindheit so entdeckt haben muss, wie sie die Gäste am zweiten Samstag im September für sich entdecken konnten.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der zehnjährige Bauernsohn Martin Grambauer aus dessen Blickwinkel die Zuschauer das Geschehen verfolgen. Während der Pastor und der Lehrer sich redlich bemühen, aus Martin und seinen Freunden gottesfürchtige und rechtschaffene Bürger zu machen, sind den Kindern – und den erwachsenen Dorfbewohnern ‑ die heidnischen Bräuche wichtiger als der strenge wilhelminische Geist, der auf Treue zum Kaiser und Pflichterfüllung pocht. Das Publikum nimmt Anteil am Schulunterricht, lernt die Eltern ‑ und besonders die Männer ‑ des Dorfes kennen, verfolgt das jährliche Eierpicken und viele andere Geschichten, die zwischen Ostern und dem Michaelisfest am 29. September geschehen. Das Ehm-Welk-Wochenende ist mit der zwölfstündigen Theateraufführung nicht zu Ende. Am Sonntag findet alljährlich die traditionelle Völkerwanderung von Biesenbrow nach Angermünde statt. Eine Wanderung, die auf ein Romankapitel beruht. Wer Ehm Welk für sich entdecken möchte, kann im nächsten Jahr die letzten acht Kapitel der Aufführung verfolgen. Für Essen und Trinken werden Versorgungsstellen im Dorf aufgebaut. Auf dem Festplatz gibt es warme Leckereien. Mit kleinen Verweilpausen auf den Wiesen und Feldern ‑ es wurden glückliche Gäste gesichtet, die nach französischem Vorbild Wein, Brot und Käse mitbrachten ‑ vergeht die Zeit wie im Flug und ehe man sich versieht, fühlt man sich selbst mittendrin; in Ehm Welks Roman „Die Heiden von Kummerow“.

Für meine Freundinnen und für alle, die Ehm Welk kennenlernen wollen:

Der Schriftsteller arbeitete für die Stettiner Neuesten Nachrichten. War Chefredakteur der Stolper Neusten Nachrichten und der Braunschweiger Allgemeinen Anzeigers. Erlebte die Novemberrevolution in Braunschweig. Dieses Erlebnis bildete die Grundlage für seinen Roman Im Morgennebel. 1922 reiste er in die USA und nach Lateinamerika. Zwei Dramen ‑ Gewitter über Gottland (1926) und Kreuzabnahme (1927) ‑ lösten Skandale aus und wurden vom Spielplan entfernt.1934 Verhaftung und Berufsverbot wegen zynischer Bemerkung in einem offenen Brief an Joseph Goebbels. Umzug nach Lübbenau, später nach Neuenkirchen/Stettin. Schrieb Erfolgsromane wie: Die Heiden von Kummerow (1937), Die Lebensuhr des Gottlieb Grambauer (1938) und Die Gerechten von Kummerow (1943). 1945 Vertreibung aus Neuenkirchen. Übersiedelung nach Ueckermünde, dann nach Schwerin. Gründete 6 Volkshochschulen und wurde Direktor der Volkshochschule Schwerin. Umzug nach Bad Doberan im Jahre 1950, Ehrenbürger der Städte Bad Doberan und Angermünde, Ehrendoktor und Professor an der Philosophischen Fakultät der Universität Greifswalde. Starb in Bad Doberan am 19. Dezember 1966. Zierte die 20-Pfennig-Briefmarke der Reihe Bedeutendsten Persönlichkeiten der DDR. (Biographische Zusammenfassung, Quelle: Wikipedia)

22.09.18, 16.55 Uhr auf RBB: Dokumentation Entdecke Brandenburg „Die Heiden von Kummerow“: Der Film zeigt, wie die Biesenbrower die Herausforderung, die das Projekt des Theaters 89 darstellt, meistern.

Text und Bild: Kena Hüsers

 

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