Die Liebe der Jeanne Ney – ein Stummfilmerlebnis mit Orgelklängen

Kulturelle Highlights sind in der Uckermark sicherlich nicht an der Tagesordnung. Manchmal muss man sie suchen. Doch wer sucht, der wird auch fündig und kann sich eines auserlesenen Angebotes erfreuen. So kamen die Liebhaber des Stummfilms am ersten Samstag im Oktober in der Marienkirche auf ihre Kosten, als Kantor Rainer Rafalsky und der Berliner Organist Jack Day den 1927 gedrehten Film „Die Liebe der Jeanne Ney“ präsentierten. Untermalt wurde der Film - aus der Zeit der Weimarer Republik - durch Klänge der Wagnerorgel, die mit ihren Pauken, Trompeten, Zimbeln und Flöten hervorragend für Stummfilme geeignet ist.

Wie schon im Sommer, als die Gruppe „Theater 89“ ihre Hans-Sachs-Interpretation vor dem Kloster aufführte, bestand das Publikum größtenteils aus den sogenannten „Best Agern“ und einigen 40+lern. Von der jüngeren Generation, die in der Hauptstadt diese Art von Events feiert und begeistert dabei ist, keine Spur. Dabei war im Sommer der Vorhof des Klosters zum Picknicken und gleichzeitig den Darstellern lauschen so was von geeignet, dass die Bänke fast überflüssig hätten sein können. Und auch die vorgewärmte Marienkirche schien für die Oktoberveranstaltung geeigneter als ein kleiner, überfüllter Kinosaal in Kreuzberg. Was ist also los in der Uckermark? Interessierten sich nur Rentner und Middle-Ager für kulturelle Veranstaltungen außerhalb des Mainstream-Kinoprogramms? Oder werden diese Highlights nicht genügend oder zu verstaubt angekündigt?

Verstaubt wirkte der Stummfilm, der auf den gleichnamigen Roman von Ilja Ehrenburgs basiert, nicht. Es war alles drin, was auch Hollywood leidenschaftlich thematisiert. Der Schurke, der zum Schluss seine gerechte Strafe erhält (auch wenn es sich im Roman anders verhält), die betrübte, vom Schicksal gebeutelte Protagonistin, die ihre große Liebe findet, Raub, Mord, Intrigen, Kampf, Flucht, Neuanfang, Slapstick, Happy End und der perfekte Soundtrack aus den Pfeifen der Wagnerorgel.

Faszinierend wirkt die Methodik der Darstellung. Statt auf lange Monologe oder platte Dialoge, wie sie im heutigen Kino gerne vorkommen, setzt der sprachlose Film auf Mimik und Gestik der Theaterkunst und der passenden Musik, um den Betrachter zu bannen. Ab und an wird das gesprochene Wort als Text eingeblendet, was mit modernen Comics vergleichbar wäre. Und Comics erfreuen sich großer Beliebtheit und haben sich bereits einen Platz in der Literatur erkämpft.

Die spannende Handlung, mit historischem Hintergrund, wirkt hier und da gestelzt und befremdlich, weil sich der Zuschauer erst einmal einfinden muss, die Geduld nicht verlieren darf und die Ereignisse auf der Leinwand (Frauenbild, Rechtsempfinden, Hierarchien) nicht mit heutigen Maßstäben bewerten kann. Macht dies nicht gerade den Reiz unserer modernen Shabby-Chic-Welt aus? Wir sehnen uns nach alten Möbeln, abgenutzten Gebrauchsgegenständen, gehen wieder mit der Sense in den Garten, wecken Gemüse ein und mahlen unseren Kaffee in Omas ollen Mühle. Gehört hierzu nicht auch das Verständnis der damaligen Zeit dazu? Wo beginnt Nostalgie, wo endet sie?

Für mich begann der Abend mit der Auswahl der Kleidung. Was ziehe ich zu so einer Veranstaltung an? Ich fühlte mich in meine Jugend versetzt, als meine Eltern alle paar Monate mit uns schick ins kleine Theater um die Ecke gingen, um hinterher in einem guten Restaurant einzukehren und fern der Hausmannskost über das Stück mit uns Kindern zu sprechen. Das hob die Stimmung, die Freude auf das Besondere, das von vorne bis hinten zelebriert werden musste, um es von Anfang bis Ende auszukosten. Dem Alltag zu entfliehen und sich in eine andere Welt hineinzubegeben, die fern von allem lag, was der heimische Fernseher hergab. Wer setzt sich schon mit dem Sonntagsoutfit vor den Fernseher und schlürft einen sündhaft teuren, frisch gemosteten Apfelsaft aus einem Weinglas? Wobei ich auf die Frage, wer heute noch ein Sonntagsoutfit besitzt gar nicht erst eingehen möchte.

So und nicht anderes wollte ich am Samstag den Stummfilm zelebrieren, mit einem Glas Wein oder regionalen Apfelsaft in der Kirche sitzen, mit den Menschen um mich herum einen kleinen Plausch halten, in fremde aber freundliche Gesichter blicken, während der Organist die Orgel stimmt, um mich dann für einhundert Minuten in eine Zeit versetzten zu lassen, in der meine Großmutter aufwuchs. Die Kleider der damaligen Zeit, die perfekt geschminkten Gesichter - die Schmerz, Leid, Wut und Glück spiegeln - bestaunen und mich über den Schurken aufregen, der fast mit einem Mord davon kommt. Hier und da mal aufstöhnen, weil ich die Naivität der Protagonistin nicht mehr ertrage und hoffe, dass sie endlich aufwacht und Gut und Böse unterscheidet. So und nicht anders wollte ich einen Samstag nach dem stürmischen Xavier-Unwetter verbringen.

Mehr vom Film verrate ich nicht, denn ich hoffe, beim nächsten Mal werden mehr als vierzig Zuschauer in der großen Marienkirche anwesend sein, um sich dem Zauber der Vergangenheit hinzugeben. Und so wünsche ich mir für das kommende Jahr, dass sich Jung und Alt mit Picknickdecke und Picknickkorb vor dem Kloster einfinden, an einem lauen Sommerabend den Schauspielern und Musikern lauschen und miteinander ins Gespräch kommen. Die Weingläser des Nachbarn füllen und den Probierhappen von Picknickdecke zu Picknickdecke reichen.

Für die beschauliche und wunderschöne Herbst-/Winterzeit wünsche ich mir mehr - und vor allem gut besuchte - Veranstaltungen in den Kirchen, in denen sich Freunde und Mitbürger einfinden, um miteinander Kunst und Kultur zu erleben. Menschen, die mit freudigen Gesichtern nach Hause gehen, weil sie einen schönen und ausgefallenen Abend - fern von Massenkrimis und Fantasy-Serien - erlebt haben. Angermünde hat viel zu bieten. Manchmal muss man sich nur auf die Suche machen, um Angebote zu finden und sich auf das, was geboten wird, einlassen.

Kena Hüsers – Journalistin, Autorin und Neu-Angermünderin

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