Elysium – Theater Ost.Brise und die Insel der Seelen
Am Totensonntag gedachten wir der Seelen unserer Verstorbenen. Die Kölner Theatergruppe „Ost.Brise“ gedachte mit ihrem Stück „Elysium“ derer, die ihren Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung in ihrer Heimat mit dem Leben bezahlen mussten, und der verletzten Seelen, die entkommen konnten und nun im sicheren Deutschland heilen wollen.


Im Jugendzentrum „Alte Brauerei“ füllten sich die Stuhlreihen nur spärlich. Für diejenigen, die sich aufmachten, um zu erleben, was Jugendliche aus dem Iran, Irak, aus Syrien und Afghanistan schauspielerisch erzählen wollen, wurde die nächste Stunde oft schmerzlich und ließ die eine oder andere Träne fließen. Eine junge Frau tanzt nach orientalischer Musik. Sie ist nicht anders als die heranwachsenden Frauen in unserem Land, die sich nach den Rhythmen ihrer Idole bewegen und hoffen, eines Tages selbst im Rampenlicht zu scheinen, oder als Ärztin, Fußballerin oder Influencerin erfolgreich zu sein. Die Frau auf der Bühne tanzt sich fast schon unschuldig aus ihrer Kindheit heraus in eine Zukunft, die nur ihr gehört. Plötzlich stoppt die beschwingte Musik, die das Publikum, das die Szene bis jetzt lächelnd verfolgte, mitnahm. Zwei Männer stürmen auf die barfuß tanzende zu, fesseln sie und mit ihr auch ihre Träume. Gnadenlos und kalt wirken die beiden Brüder, die ihre kleine Schwester erbarmungslos daran hindern wollen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Brüder, die zu Feinden werden, weil Weiblichkeit ein Makel, ja, fast schon eine Schande ist.


Szenenwechsel: Ein Mann und eine Frau tragen einen Strick um ihren Hals. Die beiden Verurteilten werden in den nächsten Minuten sterben. „Wo liebe verboten ist, ist verliebt sein auch nicht erlaubt … Ich gehöre nicht mehr hierher, in ein Land, in dem die Liebe verboten und Henker ein heiliger Beruf ist“, sagt die Frau, die den Tod herbeisehnt und ihn als Erlösung sieht, während der gerade erwachsen gewordene Mann, der von seinem Geliebten verraten wurde, gerne weitergelebt hätte. Bevor das Publikum verdauen kann, was da geschehen ist, wird auf der Bühne schon fröhlich Hochzeit gefeiert. Die Zuschauer bewegen sich leicht rhythmisch im Takt mit. Man spürt, einige würden gerne aufstehen und mittanzen. Gerade als die ersten Gäste in den hinteren Reihen ihre Hände heben und zu den arabischen Klängen zaghaft den Takt klatschen, verstummt die Musik unter dem Jaulen eines Bombenhagels. Der Geflüchtete Nematullah Mohammadi steht zwischen den Getöteten auf der Bühne und sagt: „Afghanistan ist kein sicheres Herkunftsland, dennoch schiebt Deutschland uns in unsere Heimat ab.“Es reihen sich weitere kleine Szenen aneinander. Dazwischen, das Foto von Sahar Khodayari auf einer Leinwand. Die 29-jährige Iranerin übergoss sich im September dieses Jahres vor dem Gerichtsgebäude in Teheran mit einer entflammbaren Flüssigkeit, die sie dann entzündete. Sahra war angeklagt, weil sie als Frau ins Fußballstadion ging, um ihren Heimatverein zu sehen.

Die Theatergruppe „Ost.Brise“ aus Köln wurde 2017 von Marjan Grakani ins Leben gerufen. „Ich wollte eigentlich nur eine Selbsthilfegruppe gründen“, erklärt die Iranerin, doch das Projekt entwickelte Eigendynamik. So schrieben die jungen Frauen und Männer mit Grakani zusammen die Stücke „Elysium“ und „Klang der Farben“, die sie überall dort aufführen, wo man die Truppe sehen möchte. „Gestern waren wir in Berlin und im Februar sind wir in Heidelberg“, verkündet Ehsan Namdari stolz, der seit der Gründung vor zweieinhalb Jahren dabei ist. Sein bester Freund, Ali Davoudi, fügt hinzu, dass sie auch gerne wieder nach Angermünde kommen wollen. Kena Hüsers